Out of Office / Co-Working Vortrag in der Ständigen Vertretung

Gestern Abend fand in den Räumlichkeiten der Ständigen Vertretung Dortmund ein Vortrag zum Thema Co-Working statt. Eingeladen waren Christoph Fahle vom Betahaus in Berlin, welches in den letzten Wochen und Monaten recht viel Presseaufmerksamkeit bekommen hat, und Daniel Veselka aus Dortmund. Daniel arbeitet gerade ganz konkret im Kontext der Heimatdesign Truppe an der Einrichtung eines Co-Working Spaces im Gebäude des ehemaligen Ordnungsamtes.

Es waren für mich angenehm überraschend viele Zuhörer anwesend. Zum Teil mussten die Leute stehen, weil nicht ausreichend Platz und Stühle da waren. Das hat mich gefreut, zeigt es doch, dass es in Dortmund durchaus Interesse an dieser Thematik gibt.

Christoph hat ein wenig zur Historie und dem gegenwärtigen Stand des Betahauses gesprochen und hat als Zukunftsplan skizziert, dass sich die 6er Truppe, die das Ganze in Berlin ins Rollen gebracht hat, vorstellt, das Konzept auf andere Städte zu übertragen. Ganz konkret steht dieses Jahr wohl die Eröffnung eines Betahauses in Hamburg an.

Für mich interessant waren die Preisstruktur und was den Usern, wie die Gäste des Betahauses tatsächlich genannt werden, dafür geboten wird. Es gibt Tageskarten für 12€, ein Monatsabo für den Großraum für ca. 80€ und für 240€ bekommt man einen festen Schreibtisch mit abschliessbaren Fächern und einem (Brief)-Postfach. Die Netzwerkversorgung geschieht per WLAN. Es gibt Gemeinschaftsdrucker und natürlich einen Gastronomiebereich. Aber das wars dann im Wesentlichen auch schon an Infrastruktur. Dinge wie Speicherplatz, Mailkonten, Onlinekalender oder sonstige Kollaborationssoftware werden nicht geboten. “Das können Dienste wie DropBox einfach besser und es ist auch schon so sehr viel Arbeit, das Ganze am Laufen zu halten.” war sinngemäß die Aussage.

Es ist also sicher nicht ein kostengünstiger, bunter Strauß an Dienstleistungen, der für die Benutzer attraktiv ist, sondern eher die Melange an interessanten Leuten, das Fair und die besondere Betriebsamkeit, die das Betahaus attraktiv macht. Rein betriebswirtschaftlich lässt sich das eher schlecht erfassen, gibt es doch in Berlin Angebote für Plätze in Gemeinschaftsbüros, die rein rechnerisch für weniger Geld mehr bieten.

Verhaltensregeln gibt es eher wenige. Wem es an dem einen Ort zu laut ist, der wandert um in eine leisere Ecke, wem es am Drucker zu chaotisch ist, der kommt auf lange Sicht nicht wieder. Ein sich selbst regulierendes System anscheinend. Gut zu wissen für diejenigen, die etwas ähnliches aufbauen wollen. Nicht zu viele Gedanken um Policies machen, wenn die richtigen Leute am Start sind, regelt sich das irgendwie von alleine.

Daniel Veselka und Co. wollen zwei Etagen des ehemaligen Ordnungsamtes unter dem Titel “Amt für neue Ordnung” in einen Co-Working Space umwandeln. Die Pläne und Konzepte dafür sind schon entwickelt und ausgereift und derzeit steht die Truppe anscheinend in Verhandlungen mit dem Vermieter.

In der ersten Etage soll ein ca. 250qm großer Raum der Hauptraum fürs Co-Working eingerichtet werden. In die Gebäudeecke soll der Gastronomiebereich entstehen, im anderen Flügel Seminar und Vortragsräume. In der Etage darüber wird Platz für eher klassische Büros, die für länger gemietet werden können.

Ich freu mich, dass es schon dermaßen weit vorangeschrittene Pläne gibt und hoffe dass das alles gut klappt. Die Lage ist prima und das Gebäudes meines Erachtens hervorragend geeignet. Lustig ist dabei, dass in unmittelbarer Nähe zum U, welches ja (Stadt)-Staatlich verordnet die Kreatvwirtschaft anlocken soll, die Kreativen sich einfach selber einrichten und es so machen, wie sie selber Bock drauf haben.

Der Aspekt, dass nur relativ rudimentär Infrastruktur zur Verfügung gestellt wird, ist für mich ein kleiner Wermutstropfen. Durch die sich dann weiter etablierende Nutzung von Google-Zeug und Google-Ähnlichen Dienstleistern wird eine Selbstverwaltung im Sektor des Cyberspace leider nicht verwirklicht. Im Gegenteil eigentlich. Die sich hoffentlich entwickelnde Community sammelt sich dann zwar an einem Ort, es bildet sich aber keine Kohärenz durch eine implizite Verbindlichkeit, seine eigene IT-Infrastruktur zu betreiben.

Es ist halt doch schon ein Unterschied, ob ich eine Web.de oder gmail.com Mailadresse oder eine betahaus.de Mailadresse habe, ob ich meinen Businessplan Google in den Rachen werfe, oder auf einem eigenen Server sicher abgelegt weiss. Der Wissenschaftsladen Dortmund hat in seiner Anfangszeit einen Co-Working Space betrieben, auch wenn es damals diesen Begriff noch nicht gab und das ganz oldschool eighties like ‘Medienzentrum’ hieß. Die Menschen sind heute zwar nicht mehr vor Ort, aber die eigene IT-Infrastruktur wird immer noch betrieben. Natürlich kann man mit den durch massive Werbeeinnahmen querfinanzierten oder durch Venturekapital aufgepeppten Angeboten, die man im Netz findet, rein technisch nicht mithalten, aber dafür hat man sein Zeug halt auf seinem eigenen Server, den man zur Not auch mal konkret anfassen kann, sofern man mal in die heiligen Hallen gelassen wird.

Es ist leider den Menschen schwer zu vermitteln, dass ein 50Mb Mail-Postfach Geld kostet, wenn man ein 3Gb Postfach bei Google kostenlos bekommt. Kostenlos halt, aber nicht frei. Im Betahaus spüren die Leute, dass sie für ihr eingeworfenes Geld mehr bekommen als Schreibtisch und WLAN. Diesen Spirit für den sogenannten Cyberspace zu entwickeln und zu vermitteln ist hingegen extrem schwierig.

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datum: 26. Februar 10
in: Zukunft
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