Um die halbe Welt

Arm in Gips, da ist jedem sofort klar, dass gewisse Tätigkeiten und Handgriffe schwer fallen, Schuhe zubinden zum Beispiel, Applaus klatschen oder Ankleiden. Andere Dinge kommen einem ad hoc nicht in den Sinn, aber versucht mal einhändig einen Kopfhörer aufzusetzen. Oder aber den nicht begipsten Arm mit Deodorant zu versorgen wenn man nur einen Deostick hat. Das artet in Verrenkungen aus, nicht unähnlich jenen, die wir als Kinder mit Ugga Ugga Geschrei gemacht haben, um den verfeindeten Nachbarsklindern zu zeigen, was wir von ihnen halten. Heute denkt man nur: "Hoffentlich sieht mich keiner..." oder "Jetzt bloss keinen Krampf kriegen."

Wie das wohl wär tatsächlich nur einen Arm zu haben...? Geht nen Einarmiger in nen Second Hand Shop ... *harhar* ... lieber arm dran als Arm ab *verdreh die Augen*. Wie das wohl wär, alle Dinge ohne Gegendruck schaffen zu müssen, Ying ohne Yang, Stan Laurel ohne Oliver Hardy, Dow ohne Jones, Ski fahren ohne Kante, ... man lernt Dinge schätzen, wenn sie nicht mehr hat.

Geschirr spülen geht halbwegs, Gemüse schälen und schneiden wiederum kaum. Kohlrabi etwa. Da kommt das grosse, schwere Küchenmesser gelegen, mit dem man auf dem Grünzeug herum hackt als wären es die roten Khmer. Und so schlimm ist die Kohlrabischale eigentlich nicht, wieso also schälen? Nun mag sich manch einer fragen: "Warum stellt sich der Bekloppte an den Herd statt sich um die Ecke mit Pizza zu versorgen?", und ich werde nicht antworten "Um zu beweisen, dass es geht...". Ich hatte die Zutaten noch zuhause und hab einfach angefangen ohne gross drüber nachzudenken. Die auftretenden Schwierigkeiten -- No keyboard found, press F1 to continue -- haben dann aber doch den Ehrgeiz geweckt.

In den letzten Wochen habe ich mal versucht, mehr Biozeug und öfter auf dem Markt vor meiner Tür einzukaufen. Die kanadische Künstlerin Lederhosen Lucil, -- wer die unglaubliche Hosenshow noch nicht kennt hat echt was verpasst, Photos vom Duisburger Gig mit Bildern von Can, Iris, Janka und Maike auf der Homepage!  -- Lucil also meinte bei einem Konzert, dass sie cool fände, dass man hier so viel und problemlos Biofutter bekommen kann, in Kanada wäre das wie Gold. Bei allem deutschtypischen Gejaule muss man einfach mal sagen, dass wir das als Gesellschaft ganz gut hinbekommen haben. Man kriegt den Kram nicht nur im Bioladen, sondern oftmals auch in gut sortierten Supermärkten. Du bist Deutschland, so sehr bescheuert man Imagewerbespots für die eigene Heimat auch finden mag, irgendwo ist doch auch was dran. Es ist hier nicht immer nur alles Scheisse.

Als erstes kriegt man bei dem Thema immer als Kommentar: "Ist nicht alles Bio, wo Bio drauf steht.". Stimmt wahrscheinlich auch, aber dennoch kann man die Bioprodukte ganz gut erkennen,... am Preis, haha. Nee im Ernst, mit Bioland und Demeter gibt es zwei seriöse Label und das sechseckige EU Biolabel steht zwar für etwas geringere Standards als erstere beiden, ist aber immer noch besser als nix. Eine Vollversorgung finde ich illusorisch, aber ein paar Elemente der täglichen Futterpalette bekommt man gut ersetzt. Der Preis ist natürlich dennoch ein Thema, zum Teil hat man im Vergleich zum nicht-ökölogischen Produkt heftige Aufschläge.

Der Hauptbeweggrund für Bioeinkauf mag der "Ich gönne meiner Gesundheit was." Gedanke sein, aber das Thema hat durchaus noch andere Dimensionen. Der biologische Anbau bedeutet sicherlich einen erhöhten Personaleinsatz, der zu den höheren Kosten beiträgt. Ist es angesichts fünf Millionen Arbeitsloser nicht gerade Recht sein tägliches Geld hier zu investieren, statt es den Grossindustriellen Produzenten und Discountern zu geben, die an der Profitschraube drehen,... jene, die auf der Rückseite mit Personalschraube beschriftet ist? Wird Demeter damit drohen Tausende zu entlassen wenn nicht die Kartoffelsteuer gesenkt wird oder der Türkenopi mit seinen Gartenerzeugnissen auf dem Markt seiner Frau die Pinkelpausen vorschreiben wie es Lidl tut?

Im industriellen Anbau ist die Erde nicht viel mehr als ein Schwamm, der Dünger und Pestizide trägt. Der Pflanze wird jegliche Aufgabe wie zum Beispiel das Heranschaffen der Nährstoffe aus dem Bodern oder das Abwehren der Feinde durch den Bauern abgenommen, auf dass die Hauptenergie der Pflanze in die Frucht geht. Soweit so gut, Empathen und Tierliebhaber mögen um den toten Boden und die Myriaden Mikroorganismen trauern, die dort keinen Lebensraum finden. Das Haupargument gegen diese Anbauweise kommt aber aus einer ganz anderen Richtung geflogen: Dünger und Pestizide werden aus Erdgas gemacht. Und jetzt rechnet mal 12% Preiserhöhung dieses Jahr und weitere 12% nächsten April zusammen. Sicher sicher, die DEW stellt keine Pestizide her und Endkonsumentenpreise sind keine Industriepreise, but you catch my drift...

Der biologische Anbau setzt auf den belebten Boden und natürlichen Schädlingsschutz. Entgegen landläufiger Meinung müssen die Erträge nicht niedriger sein als bei industrielle Agrarwirtschaft. Durch Mischanbau und schlaue Fruchtwechsel sind die Erträge zum Teil sogar höher.

Auf diesem Feld können wir also gut mit unserem Geldbeutel abstimmen. Eine vierköpfige Familie mit nur einem Einkommen wird da ein Problem haben -- geschenkt -- aber die meisten von uns werden nicht unter der Brücke schlafen müssen, nur weil sie mal was im
Bioladen gekauft haben. Bei den Anziehklamotten in diesem Sinne richtig zu handeln ist ungleich schwieriger, da es dort ganz einfach kein entsprechendes Angebot gibt.


Ich wäre nicht eure Kassandra, würde ich euch nicht einen Link mit auf den Weg geben, den es sich in einer ruhigen Minute anzuschauen lohnt: http://www.communitysolution.org/. Diese Website hält gut recherchierte und wohl aufbereitete Artikel rund um die Energiethematik bereit.


Zum Abschluss noch ein Hörtip.
Ich bin nicht unbedingt der 100%ige Reggea-Fan, zu oft wird mir die Mucke langweilig oder geht mir das Jah Jah Rastafari Zeug auf den Keks.  Julia hat mich allerdings mit einer echt guten Scheibe der Band Groundation versorgt, "We Free Again". Danke danke danke!
Äusserst angenehm mit gutem Flow und zwischendrin ein sehr tanzbarer Ska mit jazzigem Klavier,... geile Scheibe, passend zum sonnigen Spät-  Spät-  Spätsommer.


So, der Rucksack ist schon fast fertig gepackt, morgen kommt der Gips runter und Mitwoch Abend geht der Flieger Richtung Auckland.
Vielen Dank nochmal für die lieben Tipps und Hinweise, wir werden sicher viel Spass haben und natürlich berichten...

Denkt dran eure Uhren umzustellen...


-rolf

von jsilence | permalink | kategorie: persönliches | Mo 31 Okt 2005 09:13:42 CET

The price of cool

Hab mich gestern mit dem Rollbrett lecker auf die Fresse gelegt. Wheelbite und zwei Sekunden nicht aufgepasst. Beate hat mich später ins Krankenhaus gebracht. Radiusköpfchen gespalten. Muss operiert werden. Heute wird sich entscheiden, ob ich Morgen schon unters Messer komme.

von jsilence | permalink | kategorie: persönliches | Do 20 Okt 2005 10:39:50 CEST